11.11.2011

Tori und das verwunschene Land – Teil 1

Tori atmete tief durch, sie kaute nervös an ihren Fingernägeln und wäre am liebsten sofort wieder zurück in ihre kleine Höhle gelaufen, die unter der großen Eiche, und wo sie mit ihren Eltern und ihrem großen Bruder wohnte. Aber es half nichts, heute war es soweit, der erste Schultag in der Wichtelschule war gekommen, es gab kein zurück mehr. Tapfer ging Tori über die große Lichtung, die ihr heute so unendlich weit vorkam. Wie wohl die anderen Wichtelkinder waren? Bisher kannte sie niemanden, denn ihre Eiche lag sehr weit ab von den anderen Wichtelbehausungen, so dass sie noch nie jemanden getroffen hatte. Manchmal glaubte sie, eine kleine blaue Mütze in der Ferne gesehen zu haben, aber immer, wenn sie genau hinschaute war sie schon wieder weg. Darum freute sie sich einerseits auf die Schule, auf der anderen Seite hatte sie aber auch Angst. „Hoffentlich ist wenigstens die Lehrerin nett“, dachte Tori, als sie gerade die Lichtung hinter sich gelassen hat und am Waldrand die Schule sah. Zwischen zwei Bäumen lagen mehrere dicke Ästen, auf denen sie zusammen mit den anderen Schülern sitzen konnten. „Ob die wohl genauso nervös waren wie sie?“. Es gab ein großes Blatt, das als Tafel diente und am Rand saßen schon ein paar Mäuse und Hasenkinder, die neugierig das aufregende Treiben beobachteten. Lauter bunte Zipfelmützen waren zu sehen, die bestimmt 20 fröhlich durcheinander laufenden Kindern gehörten. „Ruhe bitte“, hörte sie plötzlich eine freundliche Stimme hinter sich. Es war ihre neue Lehrerin Frau Grüfla. Tori drehte sich erschrocken um, als die Lehrerin ihr die Hand auf die Schulter legte. „Setz dich bitte zu den anderen Kindern“, sagte sie zu Tori, die feststellte, dass sich die anderen Kinder schon längst einen Platz gesucht haben und sie nun mit großen Augen ansahen. Es war kein Platz mehr frei, unsicher blickte sie sich um. Fast hätte sie die blaue Mütze übersehen. Unter ihr steckte ein kleiner Wichtel seine Nase hervor und klopfte mit der Hand auf den freien Platz neben sich. „Setz dich gerne zu mir“, sagte er. „Ich bin übrigens Desion.“

Wichtel-Zeichnung für Kneipp Naturkind von Annora
Wichtel-Zeichnung für Kneipp Naturkind von Annora

Die erste Unterrichtsstunde – Spurenlesen – verging wie im Flug und schon war die erste große Pause. Alle Kinder packten eifrig ihr Pausenbrot aus und redeten wild durcheinander. Tori jedoch bekam vor Aufregung keinen Bissen herunter. Sie sah die Lehrerin in ein Buch vertieft auf einem kleinen Ast sitzen und ging zu ihr, denn sie war ein sehr neugieriges Wichtelmädchen und musste unbedingt wissen, was die Lehrerin da so sehr in ihren Bann zieht. Doch als Frau Grüfla sah, dass Tori sich näherte, versteckte sie das Buch schnell hinter ihrem Rücken. „So, jetzt könnt ihr noch etwas toben, aber bleibt in der Nähe“, sagte Frau Grüfla und alle Kinder liefen schnell zum Spielen. Auch Tori ließ sich mitreißen und rannte den anderen Wichteln hinterher. Plötzliche zupfte es an ihrem Ärmel. Es war Desion. „Hey, hast du herausfinden können, was Frau Grüfla da liest?“ „Nein“, antwortete sie „als ich bei ihr war, hat sie das Buch schon hinter ihrem Rücken versteckt. Ich weiß gar nicht, warum sie so ein Geheimnis davon macht. Es ist doch nur ein Buch.“ „Genau das Gleiche habe ich mich auch schon gefragt, los, lass uns mal schauen gehen. Sie tröstet gerade Nino, der über einen großen Stein gefallen ist, so schnell kommt sie also nicht zurück.“ Und so schlichen sich die beiden Wichtel heimlich zum Pult der Lehrerin wo Desion gerade das Buch in die Hand nahm, als plötzlich jemand rief: „Tori, Tori, komm schnell, das musst du dir ansehen!“ Sie warf Desion einen kurzen Blick zu, der ihr mit einer Handbewegung andeutete, dass sie ruhig hin laufen könne. Schon von Weitem sah sie Marila, die einen kleinen Marienkäfer in ihrer Hand hielt und streichelte. „Vielleicht könnten wir ihm eine Marienkäferhütte bauen, was meinst du?“, fragte sie Tori mit leuchtenden Augen. Doch schon in diesem Moment rief Frau Grüfla die Kinder zurück in die Klasse. Alle Kinder setzten sich auf ihre Plätze, alle, bis auf Desion. „Hat jemand Desion gesehen?“, wunderte sich Frau Grüfla, aber niemand wusste etwas, nicht einmal Tori. Doch dann fiel ihr das geheime Buch der Lehrerin ein, in dem Desion gerade lesen wollte, als sie zu Marila heraus gelaufen ist. Sie nahm all ihren Mut zusammen und ging mit gesenktem Kopf vor zur Lehrerin. „Es tut mir leid, wir haben in Ihrem Buch gelesen“, flüsterte sie „und dabei habe ich Desion zuletzt gesehen.“ Erschrocken blickte die Lehrerin sie an. Hastig und nervös griff sie nach dem Buch, das wieder in ihrem Pult lag. Jetzt konnte Tori auch den Titel des Buches erkennen: „Desion und das geheime Buch.“ Auf dem Titelbild sah sie Desion, wie er auf seinem Ast im Klassenzimmer saß und ein Buch las. Aber wie war das möglich? Tori konnte auf einmal keinen klaren Gedanken mehr fassen, ihr Herz klopfte bis zum Hals und sie merkte eine Panik und Angst in sich aufsteigen. Frau Grüfla legte den Arm um ihre Schulter. Du kannst ihm nicht helfen. Erst wenn er seine Geschichte erlebt hat, wird er zurück kommen können. „Aber Desion ist mein Freund, ich muss zu ihm und ihm helfen“, protestierte Tori. Aber die Lehrerin schüttelte den Kopf. „Das ist unmöglich, es ist seine Geschichte, er muss sie ganz allein bestreiten. Außerdem ist es viel zu gefährlich, niemand weiß, wie die Geschichte endet.“ Aber Tori konnte das nicht – in der Schule sitzen und lernen, während ihr neuer bester Freund womöglich in Gefahr war. Kurzentschlossen riss sie der Lehrerin das Buch aus der Hand und las: „Kurzentschlossen riss sie der Lehre….“ und da würde es ihr plötzlich schwindelig, sie hatte das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren. Seufzend hob die Lehrerin das Buch auf, die Wichtelkinder starrten sie mit offenen Augen an, alles war mucksmäuschenstill, nicht mal ein Vogel zwitscherte in der Ferne, nur ein ganz leichter Wind strich über die kleinen Wichtelmützen. Frau Grüfla schaute auf den Einband des Buches und sah, wie sich der Buchtitel verändert hatte. „Desion und Tori und das geheime Buch“ stand nun dort. Auf dem Titel sah sie Desion und Tori, die sich freundschaftlich umarmten. Sie standen inmitten von lila Lavendelfeldern und über ihnen lachte die Sonne. Mit einem Lächeln legt Frau Grüfla das Buch zurück in die Schublade, denn sie hatte plötzlich das Gefühl, dass diese Geschichte doch noch ein gutes Ende nehmen würde. Dennoch schloss sie die Schublade lieber ab, bevor noch weitere Kinder von der Geschichte in ihren Bann gezogen werden würden, und hängte den Schlüssel an einem Grashalm festgebunden um ihren Hals. Tori fiel unsanft auf den Boden und sah Desion über ein Buch gebeugt an seinem Platz im Klassenzimmer sitzen. Alles sah aus wie immer, nur wo waren plötzlich alle hin? „Jetzt sag nicht, dass du auch noch in dem Buch gelesen hast“, grinste er sie an. „Ich konnte dich doch hier nicht allein lassen. Aber wo sind wir hier? Alles ist so vertraut und doch irgendwie anders.“ Komm rüber, dann erkläre ich es dir. Desion erzählte Tori den Beginn der Geschichte, die er noch gelesen hatte, bevor er auf den leeren Seiten angekommen waren, die ihn eingezogen und in diese Welt gebracht haben. (Fortsetzung folgt)

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